WO BLEIBT DIE VORFREUDE? VORSCHAU FORMEL 1 2018

Jeder hat so seine Traditionen. Seit klein auf bin ich nun schon Motorsport-Fan und habe es mir seit einigen Jahren zur Tradition gemacht das erste freie Training einer jeden neuen Formel 1 Saison live im Fernsehen mitzuverfolgen. Das heißt also, Wecker auf zwei Uhr stellen, Kaffeemaschine vorprogrammieren und schlaftrunken in Richtung Couch wandern. Aber heute wenige Stunden vor dem Start in die neue Saison ist es irgendwie anders. Was fehlt ist die Vorfreude. Mittlerweile freue ich mich auf die neue Saison und bin gespannt auf das erste Kräftemessen der Teams, aber diese Freude kam bei mir jetzt erst vergleichsweise spät.

Traditionsbruch Liberty Media

Seit nun knapp einem Jahr führt das US-amerikanische Medienunternehmen Liberty Media die Geschicke der Formel 1 und tritt damit in die Fußstapfen von F1-Guru Bernie Ecclestone und seiner Vermarktungsfirma. Hinter Liberty Media steht für die Formel 1 das Dreiergespann Chase Carey, Sean Bratches und Ex-Teamchef Ross Brawn. Nachdem die Quoten und Ticketverkäufe in den vergangenen Jahren rückläufig waren, haben diese drei Herren sich nun die Digitalisierung und Eventisierung der Formel 1 zur Aufgabe gemacht, um neue Absatzmärkte zu erschließen und damit die Wirtschaftlichkeit zu verbessern. Das dabei mit Traditionen gebrochen wurde, finden nicht alle Fans so ganz dufte. Die Abschaffung der Grid Girls? Geschenkt! Meines Erachtens nach ist das eine Komponente an die sich der Fan gewöhnt hat, aber keinesfall zu großen Einschnitten führt, wenn es um die Attraktivität der Rennen geht. Traditionalisten sehen diesen Aspekt jedoch mit einem weinenden Auge.

Auch der Markenauftritt der Formel 1 erlebt zu dieser Saison einen kompletten Relaunch. Künftig muss sich der Zuschauer an nervige Twittereinblendungen und einem Overload an Informationen im Worldfeed gewöhnen. Schnelle Runden, der Einsatz von DRS oder Safety Car etc. wird zukünftig gut sichtbar nach amerikanischen Vorbild vermarktet.

Ein Punkt der mir neben den visuellen Änderungen eher auf die Magengrube schlägt ist die Änderung der Startzeit. Künftig starten die Rennen um 15:10 Uhr Ortszeit, vor allem mit der Hoffnung auf stärkere Quoten und höhere Werbeeinnahmen für die TV-Sender. Besonders blöd ist das natürlich im Sommer bei schönem Wetter, weil dann ist der halbe Sonntagnachmittag in der Tonne. Der letztendliche Erfolg der Verschiebung muss sich mir erst noch aufzeigen.

Ha(l)lo wer ist das?

All diese Änderungen kratzen jedoch vorerst nur an der Oberfläche und sind nur Teil eines 4-Jahresplans den Liberty Media für die zukünftige Ausrichtung der Formel 1 aufgestellt hat. AMS hat hierzu ein sehr lesenswertes Interview mit Ross Brawn geführt. Die wohl auffälligste Änderung zu dieser Saison ist der Cockpitschutz Halo, der gerne umganssprachlich auch „Heiligenschein“ geschimpft wird. Und Recht haben die Kritiker ja auch irgendwie. Für mich ist Halo mehr Verschlimmbesserung als ein wirklicher Vorteil. Sicherlich können schlimme Verletzungen am Fahrer durch diesen Schutzmechanismus verhindert werden. Ein unuberschaubares Restrisiko bleibt trotzdem, wie es auch Simulationen im Vorfeld ergeben haben. So hätte der tödliche Unfall von Jules Bianchi in der Saison 2014 durch das jetzt zum Einsatz kommende Halo-System scheinbar auch nicht verhindert werden können.

Der größte Kritikpunkt bleibt aber weiterhin das Design. Formel 1-Fahrzeuge sehen künftig aus wie Buggys, was auch den meisten Fahrern nicht wirklich passt. Auch die Zuschauer vor Ort und vor den TV-Geräten haben nun einen entscheidenen Nachteil, dass sie durch das verdeckte Helmdesign den jewiligen Fahrer aus den meisten Perspektiven nicht mehr erkennen können. Das erschwert natürlich die Wiedererkennung der jeweiligen Fahrer und die Helmdesigns der Piloten werden zur Nebensache. Einige Fahrer fordern deshalb den Halo-Bügel selbst designen zu dürfen. In Melbourne wird das aber auf jeden Fall noch nicht der Fall sein.

Auch in Sachen Gewicht bereitet Halo den Teams Kopfzerbrechen. Der Bügel ist aus Titan gefertigt und wiegt mit allen Befestigungsteilen ungefähr zwölf Kilo. Im Gegenzug wurde das Mindestgewicht auf 733 Kilo erhöht, wodurch die Ingenieure vor der Aufgabe standen die Cockpithülle zu verstärken um das Mindestgewicht zu halten. Wenigstens ein Pluspunkt: Die ersten Tests haben gezeigt, dass Halo keinerlei aerodynmaischen Nachteile mit sich bringt.

Sparmaßnahmen beim Motor & Neuheiten bei den Reifen

Statt wie bislang vier Motoren haben die Fahrer pro Saison nur noch drei Antriebseinheiten zur Verfügung. Bei 21 Rennen muss ein Motor dann mal eben locker sieben Rennwochenenden durchstehen. Insbesondere die motorschwachen Teams wie Renault und Honda könnten sich an dieser Regel das Genick brechen, da ihre Motoren in der Vergangenheit nicht gerade durch Langlebigkeit geglänzt haben. Der starke Mercedes-Motor der auch in dieser Saison der Beste im Fahrerfeld sein wird, hat hier deutliche Vorteile. Pro unerlaubten Motorwechsel gibt es auch in dieser Saison wieder zehn Startplätze nach hinten in der Startaufstellung.

Auch beim Thema Ölverbrauch schieben die Regelmacher den Teams jetzt einen Riegel vor die Tür. Ab dieser Saison darf pro 100 Kilometer nur noch 0,6 Liter Öl eingesetzt werden. Das trifft vor allem Mercedes und Ferrari, die vergangenes Jahr aus Performancegründen gerne mal Öl als Kraftstoffzusatz beigefügt haben.

Beim Thema Reifen gibt es auch Neuigkeiten. Zuerst einmal hat Reifenhersteller Pirelli pro Rennwochenende drei Reifenmischungen im Gepäck. Diese wurden zuvor festgelegt und sollen optimales Handling und Grip auf jeder Strecke garantieren. Neu ist hier der Hypersoft-Reifen, der zugleich die weicheste Reifenmischung darstellt. Davor sind die Mischungen Supersoft, Soft, Medium und Hard. Wie sich die Reifen unter Rennbedingungen verhalten wird sich zeigen, der Hypersoft-Reifensatz wird erstmals in Kanada seine Premiere feiern. Er soll einen Vorteil von acht Zehntel pro Runde bringen und etwas mehr als zehn Runden durchhalten. Verlässige Prognosen kann man hier aber noch nicht treffen.

Bundesliga-Verhätnisse in der Formel 1?

Ich hoffe nicht und vermute es auch nicht! Aber die Tests in Barcelona haben gezeigt Vorjahresmeister Mercedes bringt in dieser Saison das wohl beste Gesamtpaket an den Start. Die Zuverlässigkeit und Performance des Mercedes-Motors ist dabei wohl der größte Trumpf der Silberpfeile. Auch die Testergebnisse sprechen hier eine deutliche Sprache und sagen zum Saisonstart sogar einen Abstand von einer halben Sekunde auf die Konkurrenz Red Bull und Ferrari voraus. All zu viel würde ich auf diese Zahl aber nicht geben. Zum einen waren die äußerlich kühlen Bedingungen in Barcelona kein wirklicher Gradmesser, zum anderen testete Mercedes größenteils auf Hypersoft, die erst im späteren Saisonverlauf erstmals zum Einsatz kommen. Erster Ansprechpartner in Sachen Fahrertitel ist aber in dieser Saison für mich Lewis Hamilton, der ein einzigartiges Paket aus Nervenstärke und fahrerischem Talent mitbringt. Konkurrent Sebastian Vettel ist zwar auf dem selben hohen Niveau wie Hamilton doch zeigt häufiger Nerven.

Mercedes als Doppelweltmeister und mit guten Testergebnissen aus Barcelona im Rücken kann also gestärkt in die neue Saison gehen, hat aber auch tentendiell einiges zu verlieren. Nach einem Jahr Welpenschutz wird sicherlich auch Teamkollege Bottas genauer ins Visier genommen und muss mit Hamilton zumindest einmal mithalten. Die Testergebnisse zeigen, dass Bottas dazu durchaus in der Lage ist.

Platz Zwo hinter Mercedes teilt sich nach ersten Einschätzungen Red Bull mit Ferrari. Ein wirklicher Gewinner ist in diesem Duell nicht auszumachen. Red Bull hat hier aber den Vorteil, dass man als Gesamtteam stark auftritt, da Ricciardo und Verstappen fast gleichauf liegen. Davon kann man bei Ferrari nicht sprechen, da vor allem in der Qualifikation Räikkönen meist das schwächere Glied darstellt. Ein Punkt der hingegen für Ferrari spricht, ist die bessere Zuverlässigkeit des Motors und des Getriebes im Vergleich zu Red Bull. Und apropos Zuverlässigkeit: Bei Ferrari muss man verstehen, dass die Saison nicht im August vorbei ist, denn nach der Sommerpause sind die Roten in den letzten Jahren öfters mal abgesackt. Ein Aspekt der sowohl für Red Bull, als auch Ferrari spricht, ist der gute Umgang mit den Reifen. Hier kann man bei Hochgeschwindigkeitsstrecken, indem die weichesten Reifensätze zum Einsatz kommen, möglicherweise Boden gut machen auf Mercedes.

Als die wohl größte Überraschung der Saison sehen viele Experten das Haas Team. Auf harten Reifen war Haas bei den Testfahrten fast auf einem Niveau mit Ferrari. Insbesondere beim Reifenmanagement haben die US-Amerikaner ordentlich Boden gut gemacht und eigens dafür sogar einen Ex-Bridgestone Mann verpflichtet. Als Basis für den Erfolg hat man sich nicht für ein neues Modell entschieden, sondern arbeitet mit umfangreichen Modifikationen am Vorjahreswagen. Wie viel Spielraum da noch bleibt und wie sich die Testergebnisse in Erfolge ummünzen lassen, wird sich spätetens zum Start der Europasaison zeigen.

Sonst noch neu?

Es gibt das Wiedersehen mit altbekannten Strecken. Mit dem Rennen in Hockenheim kehrt auch endlich wieder ein Großer Preis von Deutschland in den Rennkalender zurück. Auch einen Großen Preis von Frankreich wird es in dieser Saison wieder geben, gefahren wird auf dem Circuit Paul Ricard in Le Castellet.

Williams hat als Ersatz für Felipe Massa den russischen Fahrer Sergey Sirotkin verpflichtet. Sirotkin hat als größten Erfolg einen Platz Drei in der GP2 nachzuweisen. Hier ist jedoch davon auszugehen, dass eine hohe Summe, die auf das Festgeldkonto von Williams geflossen ist, eher der ausschlaggebende Grund war.

Aus deutscher Sicht wurde unerfreulicherweise bei Sauber am Personalkarusell gedreht. Pascal Wehrlein bleibt diese Saison nur die DTM als Fahrer für Mercedes. Als Ersatz kam Charles Leclerc.

Bruchlandung F1 im TV

Die Hiobsbotschaft kam schon Ende Janaur. Nach über 20 Jahren wird es erstmals keine Formel 1 bei SKY live zu sehen geben. Für mich der wahrscheinlich größte Minuspunkt, der mir die Vorfreude auch ein Stück weit verdorben hat. Bedeutet für den deutschen Zuschauer ohne Möglichkeit auf ORF/SRF/SKY UK die Kombo König/Ebel/Waßer/Danner auf RTL in SD! und mit Werbeunterbrechung – Hello 2000. Auch wenn die Übertragungen bei SKY in den letzten Jahren teils stiefmütterlich behandelt wurden, bot es für mich mit werbefreien Übertragungen aller Sessions, einem soliden Livekommentar, Zusatzperspektiven und einer Übertragung in 4K ein sehr gutes Gesamtpaket.

Nun also RTL und der Nachrichtensender n-tv, die sich die Liverechte teilen. RTL überträgt wie gewohnt die Qualifikation und das Rennen live. n-tv wird je nach Sendeplatz das erste und zweite freie Training live im TV zeigen – aber auf jeden Fall als Livestream anbieten.

Eine Alternative zu SKY wird ab dieser Saison F1 TV vom Rechteinhaber Liberty Media sein. Sofern der Dienst dann mal startet, denn hier haben sich die Macher im Vorfeld nicht mit Ruhm bekleckert. Im Premiumpaket sollen alle Sessions live und in HD-Qualität übertragen werden. Zudem haben die Nutzer Zugriff auf die Cockpitperspektiven, Telemetriedaten und Sektorzeiten. Als zusätzliches Goodie sind alle Rennen seit 1980 auch on demand verfügbar. Drei Sachen stoßen mir aber extrem auf:

  1. Nach einem Kommunikationsdesaster von Liberty Media, bei dem gestern schon die Seite freigeschaltet wurde, hieß es wenige Stunden später: „Nö in Melbourne wird noch getestet, offizieller Start von F1 TV frühestens in Bahrain.“
  2. Zu Beginn ist der Dienst nur via Browser verfügbar, was nicht sonderlich komfortabel ist. Nach einigen Rennen sollen zumindest aber Apps für iOS, Android, Apple TV und Fire TV folgen. Von XBox oder Playstation ist derzeit leider noch nicht die Rede.
  3. Last but not least: Für die Übertragungen wird der RTL-Kommentar übernommen. Wenn die Kollegen aus Köln also in der Werbepause sind, gibts die Formel 1 in der Stummfassung. Peinlich!

Trotz einer ganz schönen Bruchlandung kann Liberty Media mit seinem neuen OTT-Dienst aber vor allem mit einer Komponente überzeugen. Für den Preis von 8 Euro pro Monat oder 65 Euro pro Jahr bekommt der Zuschauer die vollkommende Dröhnung F1 TV.

Optimal ist der Start in die neue Saison also nicht. Liberty Media muss aufpassen, dass der geplante Imageboost nicht nach hinten losgeht. Abseits all dieser Diskussionen hoffe ich auf eine spannende Saison 2018, denn schließlich sollte eines im Vordergrund stehen: Der Sport!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.